Erste Hilfe Kurs auf offener Straße

Leo legt seine Hände fest auf den Brustkorb der Puppe und drückt mit aller Kraft. Leben retten, das zeigte der Junge beim kostenlosen Reanimations-Training von Lüner Anzeiger und ruhr.solutions in der City, ist fast ein Kinderspiel. 

Leo war am Samstag bei der kostenlosen Lebensretter-Ausbildung im Rahmen der "Woche der Wiederbelebung" der jüngste Teilnehmer und ging mutig ans Werk, doch auch bei den Erwachsenen stieß die Aktion auf großes Interesse. "Kinder sollte man von Anfang an mit dem Thema Erste Hilfe vertraut machen, dann gibt es später gar keine Hemmschwellen", sagen René Bressen und Moritz Steffan. Beide arbeiten nicht nur im Rettungsdienst, sie sind auch Inhaber von "ruhr.solutions" und spezialisiert auf Erste Hilfe, Brandschutz, Hygiene und Notfallmanagement für Betriebe und Privatpersonen. In Lünen zeigten die Ersthelfer-Ausbilder am vergangenen Samstag in der Fußgängerzone an drei speziellen Übungspuppen den richtigen Umgang mit bewusstlosen Personen und den Ablauf einer Reanimation bei Patienten mit einem Herzstillstand. Wichtig, denn ohne Herzschlag gibt es kein Leben. Ohne Pause pumpt es das sauerstoffreiche Blut in alle Organe und Körperteile, doch steht das Herz still, fehlt die lebenswichtige Versorgung. Prüfen. Rufen. Drücken – so lautet das Motto. Prüfen, ob der Patient noch atmet, über die europaweit gültige Nummer 112 den Notruf absetzen und in der Mitte des Brustkorbs mit dem "Drücken" beginnen. 

 

Überlebenschance sinkt jede Minute

Die Herz-Druckmassage, die mit einer Frequenz von hundert Kompressionen in der Minute und einer Drucktiefe von etwa fünf Zentimetern durchgeführt werden sollte, bis der Rettungsdienst eintrifft, lässt das Blut weiter durch den Körper zirkulieren und gibt dem Patienten so erst eine Chance zur Rückkehr ins Leben. Ohne Reanimation hat oft auch der schnell eintreffende Rettungsdienst kaum Aussicht auf Erfolg: Das Gehirn nimmt schon nach drei Minuten ohne Sauerstoff Schaden, bis zum Hirntod dauert es fünf bis sieben Minuten. Ohne Herz-Druck-Massage sinken die Chancen zu überleben für den Patienten in jeder Minute um rund zehn Prozent. Im Klartext: Schnelle Hilfe entscheidet über Leben und Tod. In Skandinavien und den Niederlanden steht Wiederbelebung hoch im Kurs. Nach Herzstillstand führen Zeugen hier laut einer Statistik in über sechzig Prozent die Herz-Druck-Massage durch, in Deutschland sind es nur knapp über siebzehn Prozent. Erste Hilfe – das wissen die Profis – ist noch immer ein Thema mit vielen Fragen und Vorurteilen und so trauen sich Zeugen oft nicht an den Patienten.

 

Angst vor rechtlichen Konsequenzen

"Kann der Patient mich verklagen, wenn ich ihm bei der Reanimation die Rippen breche", fragt zum Beispiel eine Frau. Die Frage kennt René Bressen aus vielen Erste-Hilfe-Kursen. "Helfer haben häufig Angst, etwas falsch zu machen, aber falsch verhält sich nur, wer nicht hilft", so Bressen. In Deutschland ist sogar jeder per Gesetz zur Hilfe im Rahmen seiner Möglichkeiten verpflichtet und bei unterlassener Hilfeleistung drohen sogar Gefängnis bis zu einem Jahr oder eine Geldstrafe. "Ein Ersthelfer muss generell nicht mit Schadensersatzansprüchen rechnen, soweit er die Hilfeleistung nach bestem Wissen und Gewissen durchgeführt hat", erklärt Bressen. Ein Mann hat bei einer Mund-zu-Mund-Beatmung Angst vor einer Infektion mit dem Erreger von Aids. "Speichel ist keine infektiöse Körperflüssigkeit", beruhigt Manuel Izdebski von der Aids-Hilfe Unna. Ihm sei in Deutschland keine Infektion durch Erste Hilfe bekannt, und übertragen werde der Erreger vor allem auf sexuellem Weg. Die Beatmung ist ohnehin kein vorgeschriebener Standard mehr bei einer Reanimation. Moritz Steffan: "Im Blut des Patienten befindet sich in aller Regel noch so viel Sauerstoff, dass es ausreicht bis zum Eintreffen des Rettungsdienstes." 
Ersthelfer, die sich die Beatmung zutrauen, sollten das aber tun. Um erst gar nicht mit Körperflüssigkeiten in Kontakt zu kommen, gibt es hier zum Beispiele spezielle Folien mit einem Ventil.